Rettet den Klosterwald

Dem Windpark geht die Puste aus

Dem Windpark geht die Puste aus

ESSLINGEN: Stadtwerke und EnBW verkünden das Ende für zehn geplante Rotoren auf dem Schurwald - Die Luftbewegungen sind zu gering

http://www.esslinger-zeitung.de/lokal/esslingen/esslingen/Artikel1340332.cfm

http://www.esslinger-zeitung.de/lokal/esslingen/esslingen/Artikel1340333.cfm

Im Mai vor einem Jahr ist der Messmast auf dem Schurwald aufgebaut worden, nun hat er seinen Dienst erfüllt. Archivfoto: EnBW

 

So einen Windpark wie zwischen Westerheim und Wiesensteig wird es auf dem Schurwald nicht geben. Foto: Enkelmann

 

Der Windpark auf dem Schurwald ist abgeblasen worden, denn für ihn fehlt es an der wichtigsten Voraussetzung: an Wind. So haben Messungen über den Zeitraum eines Jahres eine durchschnittliche Windgeschwindigkeit von etwas mehr als fünf Meter pro Sekunde ergeben und das ist zu wenig, um einen Windpark wirtschaftlich betreiben zu können. Esslingens Oberbürgermeister Jürgen Zieger verkündete gestern das Aus für dieses Projekt.

Von Christian Dörmann

Der Plan, am Rande des Schurwaldes nahe Aichwald 25 Millionen Euro in zehn Windräder zu investieren und damit Strom für etwa 12 000 Menschen zu erzeugen, ist gescheitert. Und es waren letztlich nicht die geäußerten Bedenken des Bundesaufsichtsamtes für Flugsicherung, sondern die Windverhältnisse am geplanten Standort, die das Vorhaben unrentabel machen. Deshalb haben sich die Stadtwerke Esslingen (SWE) und die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) als potenzielle Betreiber eines solchen Windparks darauf geeinigt, das Projekt auf dem Schurwald nicht weiter zu verfolgen.

Esslingens Oberbürgermeister Jürgen Zieger, der auch Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke ist, ließ gestern keinen Zweifel daran, dass er „hundertprozentig“ zu dem Windpark gestanden hätte, sofern die Rahmenbedingungen für den wirtschaftlichen Betrieb einer solchen Anlage günstig gewesen wären. Immerhin hatte der vom TÜV Süd erarbeitete Windatlas Baden-Württemberg auf dem Schurwald eine mittlere Windgeschwindigkeit von bis zu 6,5 Meter pro Sekunde in 140 Meter Höhe über dem Boden prognostiziert - das hätte grundsätzlich für einen erfolgreichen Betrieb gereicht.

Der Windmessmast zwischen Esslingen und Aichwald, über den seit Mai 2014 Daten gesammelt worden sind, hat nun ein anderes Bild gezeichnet. Demnach liegt dort die durchschnittliche Windgeschwindigkeit nur bei etwas mehr als fünf Meter pro Sekunde. Dieses Ergebnis ist von Fachleuten nochmals überprüft worden - Messfehler liegen nicht vor. Somit ist deutlich geworden: Der Windatlas nennt keine verlässlichen Richtwerte im Detail, die lokale Situation muss genau untersucht werden. Das ist mit dem Messmast geschehen, wofür laut Manfred Haberzettel von der EnBW „ein niedriger sechsstelliger Betrag“ investiert worden ist.

„Bedenken sind keine Beweise“

Bedenken von Windkraftgegnern auf dem Schurwald, das Geld für den Messmast sei zum Fenster hinausgeworfen, begegnet Jürgen Zieger mit dem Hinweis: „Bedenken sind keine Beweise.“ Er habe ebenso wie seine Projektpartner von Anfang an klar gestellt: „Wenn ein Windpark nicht wirtschaftlich betrieben werden kann, macht er keinen Sinn.“ Auch Manfred Haberzettel unterstreicht: „Die Wirtschaftlichkeit ist für den Betrieb eines Windparks das wichtigste und ausschlaggebende Kriterium. Die muss gegeben sein, und das ist für diesen Standort definitiv nicht der Fall.“ Als ein Signal für mögliche weitere Standorte in der Region, etwa im Landkreis Göppingen, kann das Ergebnis auf dem Schurwald nach Einschätzung Haberzettels nicht gedeutet werden: „Dort kann alles ganz anders aussehen.“

Trotz dieses Rückschlags hält die Stadt Esslingen an ihrem Ziel fest, bis zum Jahr 2030 die Hälfte der Esslinger Haushalte mit regenerativer Energie zu versorgen. Das soll über Blockheizkraftwerke, Wind- und Wasserkraft geschehen, wobei Beteiligungen an Projekten zur Erzeugung von umweltfreundlichem Strom einen wichtigen Baustein in den Zukunftsplänen der SWE darstellen. Erst kürzlich berichtete die EZ über eine Beteiligung der Stadtwerke an einem Solarpark in Königsbronn im Landkreis Heidenheim, und nun visiert das Unternehmen eine Beteiligung an einem Windpark in Creglingen im Main-Tauber-Kreis in Höhe von 2,6 Millionen Euro an. Es geht um Energie, mit der rund 7200 Menschen versorgt werden können.

Vor allem in Aichwald nahe des geplanten Windparks war das Vorhaben während der vergangenen Monate bei Bürgern aber auch politisch zunehmend in die Kritik geraten. Eine zentrale Rolle spielte dabei der Mindestabstand zwischen Windpark und Wohngebiet und die Einschätzung der Flugsicherung, wonach der Windpark ein Sicherheitsrisiko darstellen könnte. Der Esslinger CDU-Landtagsabgeordnete Andreas Deuschle hatte Jürgen Zieger „Starrsinn“ vorgeworfen, doch gestern schlug er moderatere Töne an: „Die fehlende Wirtschaftlichkeit des Projekts stünde in keinem Verhältnis zu den zu erwartenden Beeinträchtigungen der Bürgerinnen und Bürger Aichwalds und zu den notwendigen Eingriffen in Landschaft und Natur.“ Der Entschluss, das Vorhaben zu stoppen, sei bei nüchterner, wirtschaftlicher Betrachtungsweise folgerichtig.

„Prüfung war richtig“

„Es ist schade, dass die Esslinger Schurwaldhöhe nach dem Stand der Technik nicht für die Windkraft geeignet ist, denn für den Klimaschutz brauchen wir erneuerbare Stromerzeugung in allen Regionen“, bedauert die Esslinger Landtagsabgeordnete der Grünen, Andrea Lindlohr, das Ende des Projektes. Dass die Stadtwerke und ihre Partner das Potenzial der Windkraft auf dem Schurwald geprüft haben, hält Lindlohr ausdrücklich für richtig. Sie sieht zudem neben den Stadtwerken und der EnBW noch viele weitere Partner, um die Energiewende in der Region voranzutreiben: etwa die Bürgerenergiegenossenschaft Ostfildern oder Bürger, die in Fotovoltaik, in Solarthermie-Heizungen oder in Blockheizkraftwerke investieren.

Freude bei der Bürgerinitiative

Die Absage der EnBW und der Stadtwerke Esslingen (SWE) an einen Windpark auf dem vorderen Schurwald „ist ein krönender Abschluss für uns“, sagt Peter Horngacher, Sprecher der Bürgerinitiative Pro Aichwald. Dass die Windstärke nicht reicht für einen wirtschaftlichen Betrieb, überrascht ihn und seine Mitstreiter allerdings nicht. „Das bestätigt, was wir immer gesagt haben.“ Die Initiative hatte die im Windatlas genannten Werte immer als zu hoch bezeichnet. „Es ist eine ganz tolle Sache, dass endlich Ruhe einkehrt“, freut sich Peter Horngacher. „Wir lassen heute Abend auf jeden Fall die Sektkorken knallen.“

Sein Vorstandskollege Heinz Stiller gießt etwas Wasser in den Sekt. Ein Windpark ist für ihn „nicht ganz vom Tisch“. So lange das Vorranggebiet im Regionalplan stehe, könne ein Investor kommen und sagen, ihm reichten die geringen Windstärken und dann Windräder aufstellen. Gestern war er mit anderen Vorstandsmitgliedern im Planungsausschuss des Verbands Region Stuttgart. Sie kritisieren, dass der Ausschuss das Vorranggebiet trotz der aktuellen Messwerte nicht gleich aus dem Regionalplan genommen hat. Endgültig darüber entscheiden wird die Regionalversammlung am 30. September.

Heinz Stiller sieht den Regionalverband in einer Zwickmühle: Wenn die Windstärken vorne auf dem Schurwald nicht für einen wirtschaftlichen Betrieb reichten, dann in den dahinter liegenden Gebieten erst recht nicht, sagt er. „Das gibt einen Flächenbrand.“

„Ich freue mich darüber, weil uns weitere Auseinandersetzungen mit den Projektträgern erspart bleiben“, sagt Aichwalds Bürgermeister Nicolas Fink. Wie die Bürgerinitiative hebt er hervor, dass die Projektbetreiber Wort gehalten haben. Sie hatten immer betont, nur dann einen Windpark zu bauen, wenn er wirtschaftlich ist.kh

Am Donnerstag, 30. Juli, kommen um 17 Uhr Regionalräte nach Aichschieß zur „Waldschenke“, um gemeinsam mit Vertretern der Bürgerinitiative Pro Aichwald das geplante Vorranggebiet zu besichtigen. Die Bevölkerung ist dazu eingeladen.

 

"